Selbstkonzept und Selbstwahrnehmung - zentrale Anliegen der Psychomotorik

Der Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes ist eines der wichtigsten Aufgaben in der psychomotorischen Förderung. Doch was versteht man überhaupt unter einem Selbstkonzept? Welche Auswirkungen hat es auf die Selbstwahrnehmung? Welche Verbindungen hat es zur Psychomotorik und wie kann es darin gefördert werden? In diesem 3-teiligen Beitrag möchte ich all diese Fragen näher erläutern und somit die Psychomotorik und  eines ihrer wichtigsten Ziele unter wissenschaftlich bewiesenen Aspekten erklären.

Teil 1:

Zunächst gilt einmal zu klären, wie sich ein Selbstkonzept beim Kind entwickelt. Welches Bild das Kind von sich selbst hat, ist von einigen Faktoren abhängig. Dazu gehört, ob sich das Kind für schwach oder stark hält, ob es bei Problemen schnell aufgibt oder sich dadurch herausgefordert fühlt und ob es auch Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat. Dieses Selbstbild erhält das Kind durch soziale und materielle Erfahrungen. In den ersten Lebensjahren macht das Kind diese Erfahrungen hauptsächlich über seinen Körper. Das Kind erlebt über seine körperlichen Fähigkeiten, dass es etwas kann, was es gestern noch nicht konnte. Es erfährt, dass durch Wiederholungen sein Können verbessert wird und dass es etwas mit seinen Handlungen bewirken kann.

 

 

Alle Erfahrungen, die das Kind mit sich selbst und über sich selbst gemacht hat bilden das sogenannte Selbstkonzept. Dazu gehören die Vorstellung, die Einschätzung und auch die Bewertung der eigenen Fähigkeiten. Das Selbstkonzept beeinflusst das Kind in vieler Hinsicht, denn immer wenn das Kind vor einer neuen Herausforderung steht, schätzt es zuerst einmal ein, ob es diese bewältigen kann. Kinder die ein positives Selbstkonzept haben, stellen sich zuversichtlich und neugierig unbekannten Herausforderungen. Hingegen Kinder mit einem eher negativen Selbstkonzept sind zunächst mal zögernd, trauen sich nicht und haben Angst, nicht erfolgreich zu sein. Deshalb vermeiden sie Anforderungen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen.

 

 

Damit sich ein Selbstkonzept beim Kind aufbaut, ist auch notwendig, dass es die Wirksamkeit der eigenen Handlungen und des eigenen Verhaltens wahrnimmt. Dazu gehören die Auseinandersetzungen mit Dingen, das Lösen von Problemen und der Umgang mit Anderen. Genau diese Aspekte werden in der psychomotorischen Förderung gezielt angewendet. Gerade in Bewegungshandlungen erleben Kinder, dass sie die Ursache einer Wirkung sind. Das Ergebnis einer Handlung führen sie auf ihr eigenes Können zurück. Dadurch entsteht das erste Konzept eigener Fähigkeiten (Ich kann etwas, habe etwas geschafft.). Das Selbstkonzept wird aber auch durch das Vergleichen mit Anderen und durch die Bewertung von Anderen aufgebaut. Auch hier setzt die Psychomotorik positiv an, indem sie nicht allgemein bewertet und Vergleiche mit anderen Kindern anstellt. Erfolge werden eher als individueller Leistungsfortschritt interpretiert und auch so dem Kind vermittelt. Fortsetzung folgt…

 

27.7.2017 von Theresa Wurzer

Teil 2:

Das Selbstkonzept kann beträchtliche Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung haben. Sowohl Kinder als auch Erwachsene werden in ihrem Verhalten stark vom eigenen Selbstkonzept beeinflusst. Die Zufriedenheit, die Anstrengungsbereitschaft, die Art und Weise, Probleme zu bewältigen oder sich mit neuen Situationen auseinanderzusetzen hängt davon ab, wie sich ein Mensch selbst wahrnimmt, einschätzt und bewertet. Kinder, die ein eher negatives Selbstkonzept haben, geben bei unbekannten Situationen leicht auf oder versuchen sie ganz zu meiden, weil sie sich ihnen nicht gewachsen fühlen. Diese Kinder haben meistens auch eine geringe Frustrationstoleranz und können mit Kritik und Misserfolgen schlecht umgehen. Kinder mit einem positiven Selbstkonzept haben weniger Angst vor neuen Aufgaben und lassen sich bei Misserfolgen nicht so leicht entmutigen. Das Selbstkonzept bleibt meistens im Laufe des Lebens eines Menschen stabil und änderungsresistent, d.h. beim Menschen bleibt immer eine gewisse Grundeinstellung sich selbst gegenüber gleich. Besonders schwierig ist es, Einstellungen zu sich selbst zu ändern, wenn diese bereits in der frühen Kindheit gemacht wurden. Kinder mit negativen Erfahrungen aufgrund ihrer körperlichen Fähigkeiten (z.B. bei Bewegungsspielen) ziehen sich oft auch bei anderen Aktivitäten zurück. Sie haben nämlich Angst, von den anderen auch dort nicht anerkannt zu werden. Deshalb verhalten sich diese Kinder oft aggressiv, stören andere und hoffen auf diese Weise deren Anerkennung zu bekommen.

 

 

Erfolge als Resultat des eigenen Könnens und der eigenen Anstrengung werden vor allem von Kindern mit einem positiven Selbstkonzept gesehen. Misserfolge erklären sich diese Kinder mit Zufall oder Pech. Im Gegensatz dazu sehen Kinder mit einem negativen Selbstkonzept eine erfolgreiche Aufgabe als Glück oder Zufall. Ein Misserfolg wird von diesen Kindern als Beweis für ihr mangelndes Können interpretiert. Sie haben überhaupt eine niedrige Erwartungshaltung, wodurch die Gesamtentwicklung des Kindes negativ beeinträchtigt wird. Denn „wer sich selbst nichts zutraut, dem trauen auch andere nicht viel zu“ Fortsetzung folgt…

 

02.8.2017 von Theresa Wurzer

Teil 3:

In der Psychomotorik geht es hauptsächlich darum, dem Kind eine positive Sicht auf sich selbst zu vermitteln. Folgende Punkte tragen in der psychomotorischen Förderung zu einem positiven Selbstkonzept bei:

 

  • Das Kind sollte viele Rückmeldungen über seine Stärken und Fähigkeiten erhalten, damit es Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten gewinnt.

 

  • Bewegungsaktivitäten eignen sich gut dafür, dem Kind dabei zu helfen, ein positives Selbstkonzept zu entwickeln. Eine Vorbedingung dieser Entwicklung ist es, Situationen bereitzustellen, in denen das Kind selbst aktiv sein kann. Wenn dem Kind ein geeigneter Handlungsspielraum zur Verfügung steht, dann kann es lernen, selbstständig und entscheidungsfähig zu sein und das eigene Verhalten zu planen. Da ist allerdings wichtig, dass die Situation nicht völlig offen ohne Grenzen und ohne konkrete Aufgabenstellungen sein darf. So eine Situation würde das Kind nur überfordern. Der Handlungsspielraum sollte sinnvolle Grenzen durch das angebotene Material, strukturierte Angebote oder Anregungen der Pädagogin/des Pädagogen haben.

 

  • In der psychomotorischen Förderung wird dem Kind keine vorschnelle Hilfe angeboten, sondern dem Kind das Gefühl gegeben, dass es selbst eine Aufgabe bewältigt hat. Die Anerkennung und Wertschätzung durch einen Erwachsenen gilt als wesentlicher Punkt zur Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes. Die Akzeptanz der Stärken und Schwächen des Kindes von der Pädagogin/vom Pädagogen trägt zu einer positiven Selbstwertschätzung bei und das Kind lernt sich selbst zu akzeptieren.

 

 

  • Handlungen, wie die Wahl des Schwierigkeitsgrades, die Art und Weise wie sich das Kind in das Spiel einbringt und welche Rolle es übernimmt, hängen von der eigenen Erwartungshaltung des Kindes ab. Diese Haltung hat das Kind durch die vorangegangenen Erfahrungen erhalten. Am wichtigsten für eine positive Selbstkonzeptentwicklung ist die Tatsache, dass das Kind die Erfahrung machen kann, mit seinen Handlungen etwas selbst bewirken zu können.

10.8.2017 von Theresa Wurzer

 

 

Quellen:

Fischer, K. (2009). Einführung in die Psychomotorik. (3. Aufl.). München: Ernst Reinhardt Verlag

Zimmer, R. (2006). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern. (3. Aufl.). Freiburg: Verlag Herder

Zimmer, R. (2012b). Psychomotorik für Kinder unter 3 Jahren. (2. Aufl.). Freiburg : Verlag Herder